Sophrosynes Pantheon

Ein- und Ansichten einer Polytheistin

Erwartungen den ganzen Tag

Es ist schon erstaunlich wenn man so mal auf seine Erwartungen schielt. Da ich glaube wenn ich morgens mal aufschreiben anfangen würde was ich alles vom Tag so erwarte, ich wäre nach einer Stunde noch nicht fertig wenn ich kleinlich bin.

Das fängt schon damit an, dass man todmüde die Augen aufschlagend eigentlich erwarte fit aufwachen zu müssen. Ich habe ja eigentlich lange genug im Bett gelegen. Dann geht es weiter mit den positiven Erwartungen an das Körpergefühl (tut auch nix weh?), ans Essen, an die Laune des Ehegatten, ans Wetter, an die Kollegen, den Zug, den Kontostand, die Kaffeemaschine, den Drucker, die Kunden und vieles mehr. Alles soll sich wie von Zauberhand den eigenen diffusen Wünschen fügen. Wenn es das nicht tut, dann kommt Stress und Ärger auf.

Ich gucke daher seit einigen Tagen morgens in den Spiegel, auf den ich absichtlich das niedliche Fensterbild eines Comic-Vogelkäfigs aufgeklebt habe. Er soll mich zumindest mal morgens gleich nach dem Aufstehen, aber auch Abends vor dem Augen zumachen, daran erinnern, mich nicht von meinen eigenen Erwartungen in einen emotionalen Käfig sperren zu lassen. Bisher hilft es zumindest mal mich täglich mit dem Thema zu beschäftigen. Schon alleine das öffnet mir in so mancher Situation den Weg überhaupt zu erkennen, dass mir meine Erwartungen wieder mal ein Bein stellen.

Erstaunlicher Weise habe ich schon in zwei Situationen die letzen Tage meinen Ärger sich regelrecht in Luft auflösen sehen, nachdem mir klar war das ich mich über meine unerfüllten Erwartungen ärgere und in Wahrheit nicht über Kollegin und Ehemann. Resümee: Öfter mal achtsam durchatmen und sich seiner Ansprüche über die sklavisch-hellseherischen Fähigkeiten der Mitmenschen entledigen. Ich bin nicht dazu da es anderen recht zu machen, umgekehrt wird aber auch ein Schuh draus.

Es ist schon bemerkenswert, wie sehr man davon ausgeht, die eigenen gedachten Verhaltensweisen müssten für alle Mitmenschen gelten und seien universell gültig. Wie unerschütterlich man voraussetzt, dass andere so reagieren wie man meint selbst es in einer Situation oder Lebenslage auch zu tun. Und dann die völlige Verständnislosigkeit, wenn der andere offensichtlich etwas ganz anderes als für sich typische/normale Reaktion zeigt. Unser Weltbild wird erschüttert. Es könnte so schön sein wenn die anderen nicht wären!

Die Frage ist doch, will ich denn wirklich lauter psychologische Ebenbilder von mir um mich rum haben? Hilfe, nein! Klar entsteht eine gewisse spontane Vertrautheit wenn man merkt das Gegenüber tickt so wie man selbst. Analogien fühlen sich einfach geschmeidiger an als die persönlichen Kanten die mancher Zeitgenosse einem entgegenreckt. Dennoch würden gleichgeschaltete Menschen das Leben doch ziemlich träge und lethargisch gestalten, nicht? Sich ständig gegenseitig bauch-pinseln würde unweigerlich auch irgendwann zu wunden Stellen führen. Dann könnte man sich aufregen, dass alle so furchtbar gleich sind. Ach der Mensch findet immer irgendwas zum nörgeln 🙂

Hier und Jetzt – oder doch nicht?

Beim Lesen von Eckhard Tolle’s Buch „Jetzt“ ist mir aufgefallen wie sehr auf das Bewußtsein des Augenblicks Wert gelegt werden soll. Immer und ständig im Jetzt – wie soll das gehen? Lange hielt ich das für ein Ziel welches für normale Menschen kaum je erreichbar sein wird. Durch eigene Überlegungen und inspiriert durch diesen Text ist mir über die Zeit einiges dazu klarer geworden. Das Wahrnehmen des Moments ist nicht nur für erleuchtete Gurus.

Das Jetzt steht nahezu immer in Beziehung zu dem was war und mit meiner Vorstellung was sein wird. Mir kommen dazu die Nornen Skuld, Urd und Verdandi in den Sinn. Auch wenn fraglich ist, ob für unsere Altvorderen Zukunft schon eine so große Rolle spielte wie für uns heute ganz selbstverständlich dazugehört, so sehe ich doch hier lose Zusammenhänge zu meinem Versuch mit dem Leben im Augenblick.

Die Erfahrung aus der Vergangenheit nicht in aktuelle Taten und Überlegungen miteinzubeziehen wäre ja geradezu fahrlässig und – mit Verlaub – ziemlich bescheuert! Ebenso ist es situationsbedingt geradezu haarsträubend so zu tun als gäbe es kein Morgen. Das eigene Heil, und das der Sippe, webt sich immer aus den getanen Taten und beeinflusst somit unmittelbar die Zukunft. Schon alleine deswegen muss man sich der Folgen des eigenen Tuns bewußt sein. Hier kann man also nicht einfach alles außer dem Augenblick ausblenden wollen.

Dennoch, Vergangenheit und Gedanken über die Zukunft sind nur Hilfsmittel. Werkzeuge die uns (manchmal) behilflich sind den Moment zu meistern. So wie der Verstand auch nur einer von vielen Stiften in der Schreibmappe des Lebens sein sollte, mit dem jeder von uns seinen Lebenslauf selbst zeichnet. Jedenfalls gibt es in der Mappe keinen Radierer und so sollte man immer mit bedacht sein Zeichengerät wählen.

Mich zu fokussieren auf das was ich gerade tue, bedeutet ja nicht, dass der Rest dessen was zum Leben gehört plötzlich nicht mehr existiert. Natürlich kann ich alles ausblenden was mir nicht in den Kram passt, aber mit den Folgen muss ich selber ja dann auch wieder leben. Auch mal Nein sagen, wenn die Vergangenheit lehrt, dass man sonst nur ausgenutzt wird halte ich für sehr sinnvoll. Irgend etwas zu tun weil es eine zukünftige Entwicklung eventuell positiv beeinflußt ist doch nicht verwerflich.

Die Erfahrungen aus der Vergangenheit sind nicht der Weisheit letzter Schluss. Das versuche ich immer im Hinterkopf zu behalten. Aber gerade bei Zukunftsgedanken sollte man sehr vorsichtig sein. Erwartungen sind eine tückische menschliche Eigenschaft die ich ganz bewußt versuche zu reduzieren wo es nur geht. Hier lohnt sich wirklich die Konzentration auf das Jetzt. Alles andere sind Spekulationen und „Wünsche ans Universum“.

Das Hauptaugenmerk auf das Jetzt lenken ist für ein wirklich bewußt wahrgenommenes Leben elementar. So zu tun als könne man als Mensch nichts anderes als Gedanken und Handlungen nur auf den Moment zu konzentrieren ist dagegen eine Verhöhnung dessen was Mutter Natur uns an Fähigkeiten gegeben hat. Ich glaube an eine natürliche Weisheit des Lebens an sich. Irgend einen Grund wird es wohl haben, dass unser Verstand sich entwickelt hat und sich eine hypothetische Zukunft überhaupt denken kann.

Das Gedankenkarussell anzuhalten und sich auch mal auf den Augenblick fokussieren zu können, das ist die Herausforderung die unsere moderne Welt uns aufbürdet. Authentisch sein heißt für mich, dass ich mich gegen den Wahn vom Multitasking wehre wo immer ich kann. Gedankenstillem, achtsamem Singletasking wohnt ein Zauber inne, den man genießen sollte so oft man nur kann.

Sophrosyne

Ich bin vor etwa drei oder vier Jahren zum ersten Mal in einem Buch über dieses Wort gestolpert. Zunächst war mir die Vielheit dieses Begriffes nicht bewußt. Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich für mich erkenne, dass all die Eigenschaften und Bestrebungen die mich reizen und anrühren eigentlich damit zusammengefasst sind – in einem Begriff.

Seit Monaten beschäftige ich mich mir dem Grundgedanken des Minimalismus. Manche Ansätze sind mir doch zu restriktiv. Als eigenständig denkende Heidin sind mir Gurus sowieso suspekt und ich reagiere erst recht auf unumstößliche Vorschriften, wann man dazu gehört und wann nicht, ziemlich allergisch. Wer mit 5 T-Shirts im Schrank glücklich ist dem sei es gegönnt. Mir reicht das nicht, ich will mehr Auswahl haben.

Gewahrsamkeit (oder üblicher Weise als Achtsamkeit benannt) beschäftigt mich schon mehrere Jahre, ohne das ich wirklich damit vorwärts gekommen wäre. Mir sind die Spielregeln klar aber ich habe doch lange Zeit Mühe mit der Umsetzung gehabt. Zu behaupten, es würde mir jetzt leicht fallen, wäre vermessen. Dennoch fangen manche Wissensbrocken an endlich Wurzeln in meinem Geist zu schlagen. Die keimfähigste Saat nützt nichts, wenn sie nicht auf fruchtbaren Boden gesät wird.

Das „Pantheon“ kommt im Titel deswegen vor, weil es eine Vielzahl von Begriffen gibt, die doch alle nur Aspekte von Sophrosyne sind. Bedauerlicher Weise sind im deutschen viele Bezeichnungen ungerechtfertigter Weise negativ behaftet. Genügsamkeit bedeutet beispielsweise nichts weiter, als zu wissen wann man genug von etwas hat. Das heißt eben auch, dass man zu wenig von etwas haben kann um wirklich genügsam zu sein. Im allgemeinen wird spontan aber eher sowas wie Askese in den Begriff hineininterpretiert.

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